Reboarder Närrin Ahoi! Bei meinen Mutterkursen und Krabbelgruppen bin ich ja schon irgendwie der Exot: Ich trage das Kind in der Manduca, lasse sie nicht schreien und praktiziere das Elternbett auf der einen Seite – damit ist man ja eine „Übermutti“. Auf der anderen Seite arbeite ich aber schon wieder und gebe meine Maus mit 1 Jahr nun zur Tagesmutter – 3 Tage in der Woche. Also bin ich auch eine Rabenmutter. Und diese „übermutterige Rabenmutter“ – also Überrabenmutter 😉 – hat sich nun was Neues einfallen lassen: Reboarder. Rückwärts gerichtete Autositze, die nach der Babyschale genutzt werden, bis hin zum vierten Lebensjahr oder gar noch länger.

„Dem Kind wird übel, wenn es rückwärtsfahren muss“

„Das ist herausgeschmissenes Geld und hat keinen Sinn“

„Das arme Kind hat keinen Platz“

„Im ADAC Test schneiden sie so schlecht ab“

– sind viele empörte Ausrufe, die ich zu hören bekam. Aber es stimmt nicht, ich werde diese Aussagen nun einfach ganz frech wiederlegen 😉

Die Reboarder-Fakten

Was sind Reboarder eigentlich? Reboarder sind rückwärtsgerichtete Sitze – genau wie JEDE Babyschale – der Gruppen 0/I (0-18kg), I (9-18kg), I/II (9-25kg) oder 0+/I/II (0-25kg). Zudem gibt es noch sogenannte Pseudoreboarder, diese kann man vorwärts, wie auch rückwärts nutzen und sind preislich günstiger als echte Reboarder. Allerdings sind diese auch nur bis 13kg rückwärts nutzbar.

reboarder Auswirkung

Quelle: Flyer www.reboard-kindersitz.info

 

Die „schlechten“ ADAC-Tests

Damit nehme ich direkt das stärkste Argument vorweg: Reboarder schneiden in ADAC-Tests nur mittelmäßig ab. Stimmt und stimmt nicht. Die meisten Eltern werden durch den ADAC nämlich ganz schön an der Nase herumgeführt: Die schlechten Ergebnisse resultieren nämlich einfach daraus, dass die Punkte Handling und Sicherheit 50/50 gewertet werden. Das heißt konkret: Schneidet ein Sitz mit einer 1 im Handling und einer 3 in der Sicherheit ab, ist der Durchschnittswert eine 2. Schneidet nun ein Reboarder in der Sicherheit mit einer 1, aber im Handling mit einer 3 ab, erhält er ebenfalls eine 2. ABER: Dennoch ist der Reboarder sicherer, er ist halt einfach komplexer einzubauen. An diesem Knackpunkt scheitert es leider immer wieder: Endergebnis ist ungleich Sicherheit. Damit es transparenter wird, werden diese Tests allmählich angepasst. Was ebenfalls problematisch ist: Reboarder, die auch vorwärts genutzt werden können (v.a. Pseudo) werden zumeist als vorwärts gerichtete Sitze getestet. Da sie allerdings für das rückwärts fahren konzipiert worden sind, schneiden sie schlechter in diesen Ergebnissen ab – klar, oder?

Was allerdings stimmt ist, dass das Handling wirklich ein wenig komplizierter ist und es dadurch zu Einbaufehlern kommen kann, was wiederum die Sicherheit beeinträchtigt. Vor allem in den vergangenen Jahren war dies ein großes Thema. Allerdings hat sich auch hier einiges getan, beispielsweise sind Isofix-Sitze sehr viel einfacher zu installieren und verfügen über bestimmte Vorrichtungen, die einen Fehleinbau eigentlich unmöglich machen. Überdies sollte man einen Reboarder einfach im Fachgeschäft erwerben, hier kann nicht nur das Kind probesitzen und entscheiden, ob es den Sitz mag – auch wird der Sitz von Experten eingebaut und vorgeführt, sodass man allerlei Fragen stellen kann.

Aber Obacht: Einen Experten werdet ihr selten im Babyfachgeschäft vorfinden. Leider sind sie oft zu schlecht ausgebildet (siehe Bericht der ARD) und geben falsche Auskünfte zu Reboardern. Geht daher lieber zu einem Reboarder-Fachmarkt in eurer Nähe, auch, wenn ihr dafür evtl. mal einen weiteren Anfahrtsweg hinnehmen müsst.

Das liebe Geld

JA – Reboarder sind teuer! Kostet ein vorwärts gerichteter (halbwegs „guter“) Sitz gerade mal knapp 150 Euro, muss man bei Reboardern mit einem höheren Betrag rechnen. Der erste vollwertige Reboarder kostet 249 Euro (Hauck Varioguard), zwei weitere sind unter 300 Euro zu erwerben (Joie Baby i-Anchor und Recaro Polaric). Den Britax Max Way gibt´s schon ab 306 Euro. Das ist eine Menge Geld, daher erkläre ich euch, warum ihr es aber dennoch investieren solltet:

Fahren Kleinkinder in Reboardern, ist das bis zu 5x sicherer, als in normalen Sitzen. Das ist nicht nur ein guter Marketingslogan, das ist Fakt.

Kopfgröße Verhältnis

© Burdi et al., 1968

Der Körper eines Kleinkindes ist noch sehr unverhältnismäßig, so macht sein Kopf bis zu 25% des gesamten Körpergewichtes aus -im zunehmenden Alter nimmt dies ab (Bildquelle: Autobild).

Die Nackenmuskulatur und Wirbelsäule sind erst im vierten Lebensjahr ausreichend ausgebildet, zuvor befinden sie sich im starken Wachstum und sind daher schneller verletzbar. Erst nach dem vierten Lebensjahr sind die Wirbelkörper (die zuvor aus Knorpelgewebe bestehen) vollständig geschlossen (vgl. Flyer Reboard-Kindersitz.info ). Für mich ein Grund die Maus auf jeden Fall bis zum vierten Lebensjahr im Reboarder fahren zu lassen.

Der Frontalcrash und die Folgen

Warum das so wichtig ist? Kommt es zu einem Frontalunfall wird der Kopf des Kindes in einem vorwärts gerichteten Sitz brutal nach vorne geschleudert, da der Körper von den Gurten zurückgehalten wird. Die Kräfte dabei sind so enorm, dass der noch nicht vollständig ausgebildete Nacken- und Halsbereich des Kindes diese Wucht nicht kompensieren kann. Was folgt klingt schrecklich, ist aber leider an der Tagesordnung: Rückenmarksverletzungen, Querschnittslähmungen und – besonders fatal – eine „innere“ Enthauptung.

Verletzungsrisiko Reboarder

Quelle: Mamamiez.de

Einen guten Bericht hierzu sendete der ARD Ratgeber: Auto-Reise-Verkehr – Reboarder-Kindersitze – vom 25.11.2012:

Kommt es in einem Reboarder zu einem Frontalcrash wird die Aufprall-Energie über den Rücken des Kindes gleichmäßig in den Sitz geleitet. Dabei wirkt der Sitz als Schutzschild und beschützt den Rumpf.

Was ist aber, wenn es von hinten schäppert?

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Quelle: Flyer www.reboard-kindersitz.info

Sehr häufig kommt die Frage nach einem Heckunfall auf – fivriche (gewitzte) Reboardgegner argumentieren so, dass die Kinder ja dann auch in einer Art vorwärts gerichtetem Sitz säßen. Stimmt. Das kann auch passieren, selbst, wenn man immer auf den Verkehr achtet, bleibt es nicht aus, dass man unverschuldet in einen Unfall verwickelt wird.

Allerdings zeigt die Statistik deutlich, dass nur 2 Prozent der schwer oder gar tödlich verlaufenden Unfälle Heckaufpralle sind. Vielmehr machen zu 59% die Frontal– und 39% die Seitenaufpralle das Rennen. Bedenkt immer eines: Bei ziemlich jedem Heckaufprall gibt es ja wiederum einen Frontal- oder Seitenaufprall. Selten knallen zwei Autos mit dem Kofferraum aneinander 😉

Übrigens: In Schweden ist der prozentuale Anteil der verletzten Kinder deutlich geringer als in Deutschland (siehe Säulendiagramm). Dies resultiert daraus, dass in Schweden vermehrt Reboarder genutzt werden und vorwärts gerichtete Sitze eher die Ausnahme sind 😉 Übrigens darf man schwedische Kindersitze zwar in Deutschland nutzen (zugelassen nach ECE-Norm), aber keine US-amerikanischen. Auch dort gibt es Reboarder zu kaufen, aber sie sind leider nicht richtlinienkonform.

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Quelle: Flyer www.reboard-kindersitz.info

Die Physik ist Pro-Reboarder

Zusätzlich hilft das Gesetz der Physik die Gefahr besser einzuschätzen. Ich versuche es jetzt stark vereinfacht zu erklären (ich bin kein Physiker, daher kann es sein, dass ich mich falsch ausdrücke, bitte habt ein Nachsehen mit mir). Natürlich spielen neben Geschwindigkeit auch Masse der Autos etc. eine Rolle, das lasse ich hier der Einfachheit halber außen vor:

Frontalunfall: Kollidieren zwei Autos frontal miteinander, heißt es, dass zwei gegen gerichtete Kräfte aufeinander einwirken, da die Autos aufeinander zufahren und in entgegengesetzte Richtungen möchten. Bei einem Frontalcrash werden diese Kräfte addiert. Plump gesagt: Fährt man 70km/h und das andere Auto 50 km/h wirken Kräfte, als würde man das Auto mit 120km/h gegen eine Mauer fahren.

Heckunfall: Bei einem Heckaufprall ist es so, dass die Autos theoretisch in die gleiche Richtung möchten, das eine Auto ist allerdings schneller unterwegs, da es mehr Kraft aufwendet um vorranzukommen. In einem solchen Szenario werden die Kräfte subtrahiert. Wenn ich also mit 50km/h durch die Stadt fahre und von hinten knallt ein Raser mit 70km/h auf mich drauf, wirken vergleichsweise Kräfte, als würde ich mit 20km/h (70-50=20) auf eine Mauer knallen (bzw. die Mauer rennt auf mich zu *g*). Das ist natürlich stark vereinfacht ausgedrückt und es wirken noch andere Faktoren mit, es sollte aber klar machen, dass die Frage sich nach dem Heckaufprall erübrigt haben sollte.

Das Platzproblem

Immer wieder heißt es, man wolle es dem Kind ja nicht „antun“, weil es dann die Beine (im fortgeschrittenen Alter) in den Schneidersitz nehmen müssen. Dies sei unbequem. Natürlich wollen wir unsere Kinder nicht quälen! Daher mein Ratschlag: Macht doch einfach mal den Selbsttest. Setzt euch auf eine Couch mit relativ großer Sitzfläche (in die Tiefe), sodass eure Beine bis kurz vor die Kniescheiben auf der Sitzfläche aufliegen und dann in der Luft hängen. Bleibt 20 Minuten so sitzen, 30, 45… Merkt ihr was? Wird richtig unbequem oder? Oder, habt ihr die Beine ggf. schon lange zu euch hochgezogen und sitzt etwa im Schneidersitz da? 😉

Sollte es zu einem Unfall kommen und die Beine tatsächlich brechen, habt immer eines im Kopf: Lieber die Beine, als die Wirbelsäule.

Dem Kind wird übel

Warum sollte dem Kind nach einem Wechsel von der Babyschale (rückwärts) in den Reboarder (auch rückwärts) plötzlich übel werden? Es kann durchaus sein, dass die Eindrücke der am Seitenfenster vorbeifliegenden Menschen und Gegenstände dem Kind zusetzen – dann kann man die Scheibe abhängen. Nach hinten raus, sollte es gar keine Probleme geben, denn da entfernt sich die Landschaft ja dann immer nur allmählich vom Kind – so wie im Kinderwagen 🙂

Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, dass dem Kind plötzlich übel wird, eher gering. Der Gleichgewichtssinn (der die Reiseübelkeit auslöst) entwickelt sich normal zwischen dem 4.-6. Lebensjahr. Es gibt natürlich andere Gründe, die ein Kind im Auto brechen lassen, diese würden aber auch bei einem vorwärts gerichteten Sitz eintreffen.

Reboarder sind unhandlich und passen nirgends

Zugegeben, Reboarder sind wirklich recht sperrig, der Einbau gestaltet sich (gerade ohne Isofix) als komplizierter und man muss auch gewisse Extras wie Typenlisten, Staufächer und Co. beachten. ABER: Wenn uns diese kleinen Unannehmlichkeiten es nicht wert sind, dass unser Kind 5 Mal sicherer unterwegs ist, was dann? Gerade, weil man vieles beachten muss, statt „Sitz ins Auto – anschnallen – fertig!“ fühle ich mich persönlich sehr viel sicherer damit 🙂

Es gibt aber wirklich für jedes Auto den passenden Reboarder – sogar für meine Knutschkugel (Mazda 2) haben wir den passenden Sitz gefunden 😉 Es kann für den Beifahrer allerdings ggf. unbequem werden – bei uns kann man nun mit maximal 1.65m als Beifahrer mitfahren. Kein Problem – Ich habe kurze Beine. Das Problem kann aber auch bei vorwärts gerichteten Sitzen auftauchen, denn jeder vorwärts gerichtete Kindersitz muss mit einem Mindestanstand von 55cm bis zum Vordersitz eingebaut werden. Hand aufs Herz – wer hat da die Messlatte angelegt und kann mit Sicherheit sagen, dass der Abstand gegeben ist? Das liegt daran, dass beim Crash eine Vorverlagerung möglich ist und das Kind nicht mit dem Kopf gegen den Sitz knallen soll.

Übrigens: Mir ist bewusst, dass nicht jeder über Geld verfügt. Dennoch möchte ich euch dazu anhalten, auf den Reboarder zu sparen. Legt ihr an jedem Tag des Jahres einen Euro zurück, habt ihr nach einem Jahr die Summe für einen guten Reboarder beisammen. Oder lasst euch statt Spielsachen einfach Geld fürs Sparkonto schenken – das ist wirklich sinnvoll 🙂 Wem das nicht ausreicht, kann aber auch auf eine Ratenzahlung zurückgreifen, die von vielen Händlern unterstützt wird.

Unser Maxi Cosi 2waypearl

Und hier ist er: Unser neuer Maxi Cosi 2wayPearl in wunderschönem Rot 🙂 Inklusive Station hat er uns 460 Euro gekostet. Der Sitz ist brandneu und daher auch konform mit der aktuellen i-Size Verordnung (= Pflicht, die Kinder bis zum 15. Lebensmonat rückwärtsfahren zu lassen). Ein gesonderter Testbericht inkl. Vorstellung folgt natürlich noch.

Unser-MaxiCosi 2waypearl

Tipp: Einen weiteren, spannenden Blogartikel zu Reboardern könnt ihr auch bei „Mamamiez“ nachlesen.

Die liebe Anne hatte übrigens den Gründer der Zwergperten Sebastian interviewt und erklärt, warum Reboarder die besseren Kindersitze sind. Schaut unbedingt mal rein!

Quellen: