Dreckspatz oder Schlammeule: Eine blinde Mutter räumt mit Vorurteilen auf

Gastbeitrag_Lydiaswelt

Ich bin blind, meine Kinder normal sehend. Inzwischen sind sie beinahe erwachsen. Das ist der Stoff, aus dem meine Beiträge sind. Diese richte ich hauptsächlich an nicht blinde Leser, und versuche ihnen zu vermitteln, dass ich in erster Linie Mama bin. Blind ist nur eine meiner vielen Merkmale. Auch wenn die Sehbehinderung sofort ins Auge fällt.

Schlamm und Matsch ist nun wirklich nicht mein Ding. Dennoch gehöre ich nicht zu den Eltern, die ihren Kindern permanent untersagen sich schmutzig zu machen. Jedenfalls nicht auf dem Spielplatz oder auf der Wiese. Über dieses Thema streiten sich die Geister. Die einen meinen, dass Kinder ruhig in jede Pfütze springen sollen und dürfen, um ein entsprechendes Körpergefühl zu bekommen, andere sind der Meinung, dass die Kinder dadurch nur krank werden. Und dazwischen gibt es noch ganz viel andere Meinungen mit ihrem für und wieder.

Meine Kinder gehörten zu der „Ich muss alles selbst ausprobieren“ Fraktion. Und das blieb viele Jahre so, ganz gleich, ob mir das nun passte oder nicht.

Also arrangierte ich mich einfach damit. Wenn meine Kinder Barfuß auf dem Spielplatz laufen wollten, dann durften sie das. Allerdings mussten sie die Schuhe bei mir ausziehen. Gleiches galt auch für Pullover oder andere Kleidungsstücke, die ausgezogen wurden. das war insofern wichtig für mich, da ich nicht sehen konnte, wohin meine Kinder ihre Sachen ablegten. Zu meinem Equipment gehörten Pflaster, Ersatzkleidung und feuchte Tücher. So konnte uns weder Sand, noch Pfützen etwas anhaben. Und gegen die Langeweile hatte ich oft eine Handarbeit oder ein Hörbuch dabei. Denn ich gehöre nicht zu den Eltern, die ihren Kindern auf jedes Spielgerät folgen müssen.

Aufsichtspflicht

Ich weiß, dass sich jetzt viele Leser fragen, wie ich als blinde Mama meiner Aufsichtspflicht nachkommen konnte. Nun, als meine Kinder ganz klein waren, ließ ich sie nicht alleine auf dem Spielplatz spielen. Ich hatte viel zu viel Angst davor, dass sie etwas in den Mund nehmen, oder sich verletzten. Hier holte ich mir lieber Hilfe. Wenn es sein musste, dann auch mal gegen Bezahlung. später suchte ich mir Spielplätze aus, die gepflegter waren, und die eingezäunt waren. Oder ich verabredete mich mit anderen Eltern.

Blinde Mütter und Dreck

Als die Kinder älter waren, lernten sie sich zu melden, wenn ich nach ihnen rief. Normalerweise höre ich meine Kinder. Aber wenn viel los ist, dann ist mir das wichtig. Ich ging gern auf Spielplätze, die mir vertraut waren. So konnte ich auch einschätzen, ob Gefahrenquellen lauerten oder nicht.

Alternativ sprach ich auch mal andere Eltern auf dem Spielplatz an, wenn ich eine Information brauchte.

Auf meinem Handy hatte ich immer ein aktuelles Bild meiner Kinder dabei. Ich hätte jemanden bitten können, mir bei der Suche nach meinem Nachwuchs zu helfen. Gebraucht habe ich es nur ein einziges Mal. Es diente hauptsächlich meiner Beruhigung.

Nach dem Spielplatz

Nach dem Spielen wurden die Kinder erst mal sorgfältig entsandet und vom groben Schmutz befreit. Und das war auch bitter nötig, wenn sie sich mal wieder im Sand gewälzt hatten. Dennoch sahen sie auf dem Heimweg nicht gerade Salontauglich aus.

 Ich musste mir mehr als einmal anhören, dass meine Kinder nur deshalb so schmutzig sind, weil ich blind bin.

Schließlich sehe ich ja nicht, wenn sie sich schmutzig machen. Zuhause wurde erst mal alles ausgezogen. Und dann ging es direkt in die Kinderwaschanlage, sprich Badewanne. So konnte ich sicher gehen, dass der Sand nicht durch das ganze Haus getragen wurde. Die Kleidung wanderte sofort in die Schmutzwäsche. Egal ob wir zuhause oder auf dem Spielplatz waren. Die Kinder habe ich Jahrelang eigenhändig gewaschen. So konnte ich sicher gehen, dass sie wirklich sauber waren. Denn ich wusste, dass man auf meine Kinder besonders schauen würde.

Eine Erzieherin im Kindergarten behauptete mal, mein Sohn sei dermaßen dreckig. Sie veranlasste einen Hausbesuch des Jugendamts.

Und auch wenn dieser nichts an meiner Haushaltsführung auszusetzen hatte, jagte es mir doch einen ganz schönen Schrecken ein.

Mehr zu Lydia:

Lydia wurde in Jordanien geboren. Ihre Eltern sind arabisch. Im Alter von vier Jahren zogen sie nach Deutschland. Die Blindheit hinderte sie nicht daran ein normales Leben zu führen: Sie ging zur Schule, hat ihr Abitur gemacht und führt ein selbstbestimmtes Leben. Zusammen mit ihrem Mann (ebenfalls blind) hat sie zwei normale sehende Kinder und zwei Katzen.

Auf ihrem Blog „Lydias Welt“ erfahrt ihr, wie es ist, als blinde Eltern zu leben. AUßerdem berichtet Lydia über Blindheit und Menschen mit Migrationshintergrund. Auf ihrem Blog lädt sie gern blinde Gastautoren ein, schreibt aber vornehmlich selbst. Im Vordergrund stehen praktische Geschichten aus dem Alltag.

Besucht sie gern auf ihrem Blog, Facebook oder Twitter.

 

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Von |2018-02-01T12:00:17+00:00Januar 23, 2018|Kategorien: Dies & Das, Muttergefühle|0 Kommentare

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