Verschlucken und Ersticken verhindern

[Gastbeitrag von Hanna]

Wenn Babys anfangen, sich alles in den Mund zu stecken, löst das bei den meisten Eltern Stress aus. Mit Beikosteinführung bzw. mit dem Übergang zur Familienkost folgt dann die nächste Verunsicherung: Was darf ich meinem Kind anbieten und woran könnte es ersticken? Genau zu diesem Thema will ich heute ein wenig aufklären. Dabei will ich vorab klarstellen: Ich bin keine Medizinerin, Hebamme oder Beikostberaterin. Aber ich habe selbst zwei Kinder (5, 1) und habe verschiedene Bücher zum Thema Baby Led Weaning gelesen, mit Fachpersonen gesprochen und recherchiert. Mein Wissen ist also sozusagen von Fachpersonen geklaut 😉

Die orale Phase: Darum stecken Kinder sich alles in den Mund

Zunächst einmal hilft es vielleicht, zu verstehen, warum kleine Kinder eigentlich alles in den Mund stecken, was sie zwischen die Finger bekommen. Das hat verschiedene Gründe.

  • Zunächst einmal können sie mit dem Mund zahlreiche Sinneseindrücke sammeln, also die Umwelt erkunden, wenn das Sehen und Tasten mit der Hand noch nicht so gut funktioniert.
  • Mindestens so wichtig ist es aber, die Lippen- bzw. Zungenfertigkeit und den Umgang mit Gegenständen im Mund zu üben, um später essen zu können.
  • Biologisch gesehen handelt es sich um einen sinnvollen und wichtigen Reflex für die Ernährung an der Brust und die spätere Ernährung durch Beikost.

Auch, wenn uns Eltern also nicht ganz wohl bei der Sache ist, ist es doch wichtig, dass die Kleinen ausgiebig verschiedene Formen und Texturen mit dem Mund erforschen dürfen. Wichtig ist nur, dass die Gegenstände nicht so klein sind, dass sie verschluckt werden könnten bzw. die Luftröhre blockieren. Außerdem sind die meisten Wohnungen voll von Plastik, Lacken, Weichmachern und anderen Umweltgiften.

Stell also sicher, dass die Materialien, die untersucht werden, auch speichelfest und für Babys geeignet sind.

Beikost: Wenn Kinder essen lernen

Wann anfangen?

Zum Thema Beikosteinführung gibt es mittlerweile sehr widersprüchliche Informationen. Früher wurde teilweise empfohlen, schon im dritten Lebensmonat mit Brei anzufangen. Dazu haben angeblich unter anderem Werbekampagnen von Breiherstellern beigetragen. Heute kenne ich keine offizielle Institution, die so etwas empfiehlt. Stattdessen empfiehlt die DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung) einen Beikoststart ab dem 5.-7. Lebensmonat.

Die WHO (Weltgesundheitsorganisation) empfiehlt, die ersten 6 Lebensmonate voll zu stillen, also erst ab dem 7. Monat anzufangen.

Und dann gibt es noch eine „neue“ Weise der Beikosteinführung, die als Baby Led Weaning (BLW) oder Breifrei bezeichnet wird. Hier wird ganz klar empfohlen, sich individuell nach dem Baby zu richten und auf die Beikostreifezeichen zu achten. Da kann es schon auch mal 8 oder 10 Monate dauern, bis ein Kind wirklich bereit für feste Nahrung ist. Der Unterschied zu den Empfehlungen von WHO und DGE ist, dass Babys hier nicht mit Brei gefüttert werden, sondern von Anfang an feste Nahrung zu sich nehmen dürfen.

Baby Led Weaning: Ist feste Nahrung gefährlich bezüglich Verschlucken?

Aber auch in Büchern über Breiernährung findet sich die Empfehlung, allmählich mehr und mehr Stücke in den Brei zu mischen und dann ab etwa 10 Monaten zusätzlich zum Brei auch Fingerfood, also feste Nahrung, anzubieten.

Ich selbst habe meine beiden Kinder mit BLW an die Beikost heran geführt. Eine der ersten Fragen, die ich meist dazu bekomme: „Hast Du keine Angst, dass sich Dein Kind verschluckt?“ Ich will das mal etwas aufdröseln.

Zunächst, ja, ich habe natürlich Angst, dass mein Kind sich verschluckt. Beim zweiten ist es mir auch einmal passiert, dass etwas in seiner Luftröhre festgesteckt ist und ich dachte, er stirbt.

Es war einfach furchtbar und ich wünsche diese Erfahrung niemandem. Allerdings war er da schon 11 Monate alt. Das hätte ihm also auch mit klassischer Breiernährung passieren können, denn dann bekommen sie ja auch schon feste Nahrung.

Würgen als biologischer Sicherheitsmechanismus

Gill Rapley, die viel zur Theorie der breifreien Babyernährung geschrieben hat, stellt zu diesem Thema interessante Fakten zur Verfügung: Alle Menschen haben biologische Sicherheitsmechanismen, die uns davor schützen, dass zu große Gegenstände in unsere Luft- bzw. Speiseröhre geraten und wir daran ersticken könnten. An einem Punkt im Rachen wird darum der Würgereflex ausgelöst.

Wenn etwas zu lange feststeckt, erbrechen wir unseren Mageninhalt. Bei Kindern ist dieser Punkt noch viel weiter vorne im Mundraum als bei Erwachsenen.

Am weitesten vorne ist er bei Neugeborenen, im Laufe der Lebensmonate wandert er langsam nach hinten. Kurz gesagt bedeutet das: Babys husten, würgen und erbrechen viel schneller als Kleinkinder. Die Wahrscheinlichkeit, dass große Teile der Nahrung zu weit nach hinten geraten, ist damit kleiner. Der Schutzmechanismus ist sozusagen effektiver. Und das ist auch notwendig, denn die Zungenfertigkeit und die Erfahrung mit fester Nahrung ist noch weniger stark ausgeprägt.

Das Fazit von Gill Rapley ist darum: In der Theorie müsste es viel sicherer sein, kleine Babys den Umgang mit fester Nahrung erlernen zu lassen, als Kleinkinder. Studien zum Thema Verschlucken bei Babys belegen folgendes: Zum Beikoststart verschlucken sich Säuglinge, die mit BLW ernährt werden, häufiger als Breikinder. Schon im Alter von 8 Monaten kehrt sich dieses Verhältnis aber um. Daraus könnte man schließen, dass BLW-Kinder nun den Umgang mit fester Nahrung im Mund üben und lernen konnten.

Würgen und Husten ist nicht Ersticken!

Ich kenne viele Eltern, denen die Theorie von BLW zusagt und die es darum mit Fingerfood fürs Baby probieren. Diese stopfen sich beim ersten Mal fröhlich alles in den Mund – und husten, würgen und spucken alles wieder aus. Der Kopf wird rot, die Augen tränen. Und das Experiment BLW ist so schnell vorbei, wie es begonnen hat. Zu gefährlich, denn das Kind verschluckt sich ja ständig.

Wenn man mit Verschlucken meint, dass das Kind in Gefahr ist und am Essen zu ersticken droht, dann stimmt das nicht ganz. Denn auch, wenn es wirklich wild aussieht, ein Kind, das hustet und rot wird, ist nicht in Gefahr.

Ein Kind, das zu ersticken droht, macht keinen Mucks und wird blass und blau (nicht rot!).

Glaub mir, ich weiß, wovon ich spreche. Unser erster Sohn hat gehustet, gewürgt und teils auch erbrochen ohne Ende – aber er war nie in Gefahr. Unser zweiter dagegen war vorsichtiger, hat kaum gewürgt oder das Essen wieder ans Tageslicht befördert – und eines Tages wäre er beinahe erstickt. Ich hätte nichts mitbekommen, hätte ich ihn in diesem Moment nicht direkt beobachtet.

Erste Hilfe: Wie Eltern richtig reagieren

Egal, welchen Weg wir wählen, die Gefahr lässt sich niemals ausschalten: Kinder können sich an Essen oder Gegenständen gefährlich verschlucken und krank werden bzw. ersticken. Dagegen können wir nichts tun. Was wir allerdings tun können, ist richtig reagieren. Das kann im Ernstfall den Unterschied zwischen Leben und Tod machen. Alle Eltern sollten darum über Erste Hilfe Bescheid wissen.

Idealerweise einen Erste-Hilfe für Kinder Präsenzkurs besucht haben und regelmäßig auffrischen. Aber auch, wenn Du Dir dafür nicht die Zeit nimmst, kannst Du Dich mit Alternativen zum Präsenzkurs umfassend informieren. Es gibt Bücher, z.B. „Schnelle Hilfe für Kinder“ von Janko von Ribbeck. Es gibt endlos viele Youtube-Videos zum Thema, die sind völlig kostenlos. Du kannst auch einen Online-Kurs für Erste Hilfe am Kind machen. Hauptsache, Du weißt, was im Ernstfall zu tun ist.

Mehr zu Hanna von Rubbelbatz

Hat euch Hannas Gastartikel gefallen? Dann schaut doch mal bei ihr vorbei und lest ihren Bericht darüber, als ihr Kind fast an einem Radieschen erstickt ist.

„Ich bin Hanna, Mama von zwei Jungs (*2015, 2019). Seit ich mit unserem zweiten Essanfänger eine schlimme Erfahrung bezüglich Verschlucken machen musste, beschäftigt mich das Thema verstärkt.“

QUELLEN:

  • Rapley, Gill: Baby Led Weaning
  • http://www.rapleyweaning.com/
  • Renz-Polster, Herbert: Kinder verstehen
  • Von Ribbeck, Janko: Schnelle Hilfe für Kinder