So sieht das im Rabennest aus, wenn Kinder übers Knie gelegt werden 😉 Foto: André Hansmann (Instagram: @ahaeffects)

Aktuell geht es richtig heiß her bei uns: Einschulung, Wackelzahnpupertät, Entthronungsphase. Und daneben die nervenaufreibende Suche nach einer neuen Bleibe für die Rabenfamilie. Unser Timing ist wie immer perfekt. Gerade ist mit Claire nicht so wirklich gut Kirschen essen und nach dem holprigen Start in der Schule, geht es nur ganz langsam bergauf.

Ich hasse die Welt!

Doch auch zu Hause geht es gerade mehr schlecht als recht zu. Täglich übermannen Claire die Gefühle, sodass sie uns ein „Ich hasse Mama!“, „Ich hasse Papa oder“ Ich hasse Marie!“ entgegenschreit. Und das natürlich mehrmals oder in Kombination mit „Ich wünschte Marie wäre nie geboren worden!“, „Ich will eine andere Mama!“ und „Ich will nix mehr mit Papa zu tun haben!“.

Beim ersten Lesen liegt hier ganz viel Hass verborgen. Aber es ist etwas ganz anderes… Das möchte ich an einem konkreten Beispiel erklären und hoffe, dass ich es verständlich erklären kann. Denn was Claire sagt und was sie meint, das sind zwei völlig unterschiedliche Dinge…

Die „Neue“ im Haus

Wir haben seit einigen Wochen eine neue „gute Seele“ im Haus. Laura (Name geändert) greift mir seit einem knappen Monat im Haushalt und mit den Kindern unter die Arme. Meine Frauenärztin meinte es sei notwendig, dass ich unterstützt werde, damit die Schwangerschaft weiterhin gut verläuft und da sag ich ja nicht nein (Haushaltshilfen werden anteilig von der Krankenkasse in der Schwangerschaft bezahlt).

Anfangs war Claire auch sehr verliebt in Laura. Sie fand sie und ihre Ideen großartig und hat sich auf sie gefreut. Auch Marie ist schnell mit ihr warm geworden. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen, da sich Laura im ersten Lehrjahr zur Erzieherin befindet und demnach auch ein paar Skills mitbringen kann – die gerade bei Claires Gefühlsstärke wichtig sein könnten. Dann aber kam es zum „Acrylfarben-Desaster“ und die Stimmung kippte gefühlt seither. Claire wollte Laura nicht mehr da haben.

Und plötzlich hasst sie auch Laura…

Das empfand ich als sehr schade, denn Marie liebte sie mit jedem Tag mehr. Sie singt von ihr, freut sich, wenn ich sie ankündige und mittlerweile ist sie so weit, das ich sie 2 Stunden mit ihr allein lassen kann! Sie kann sogar kleine Frustanfälle begleiten, da Marie sich von ihr trösten lässt. Bis zur Geburt kann es also gut sein, dass ich nun doch jemanden habe, der auf die Kinder aufpasst, sodass ich im Kreissaal nicht allein sein muss. Das alles macht mich mega glücklich, aber bei Claire ruft es eher negative Gefühle hoch, wie es aussieht.

Mittlerweile speit sie auch ihr ein kräftiges „Ich hasse Laura!“ entgegen. Laura ist deswegen ziemlich bedrückt gewesen und hat Rat gesucht. „Habe ich was falsch gemacht?“. „Nein, ganz bestimmt nicht. Claire meint es gar nicht so und eigentlich mag sie dich auch!“. Denn Claire lässt sich sehr wohl noch auf Laura ein, spielt mit ihr oder bittet sie um Hilfe. Nur eben nicht immer.

Foto: André Hansmann (Instagram: @ahaeffects)

Wenn die Gefühle einfach zu stark werden

Ich habe Laura zur Seite genommen und versucht zu erklären, was gerade los ist: „Weißt du, Claire zeigt ihre Gefühle ziemlich stark und ziemlich extrem. Sie kann vor Wut platzen und vor Freude hoch in die Luft fliegen. Es gibt bei ihr fast nur Extreme. Das ist unglaublich schwer zu begleiten manchmal, weil extreme Gefühle in jede Richtung viel Kraft kosten.“ Ich habe Laura dabei auch kurz einen Abschnitt aus „So viel Freude, so viel Wut“ von Nora Imlau vorgelesen, der das ganz gut umschreibt, was ich in Worte zu fassen versuchte.

Ich habe versucht weiter zu erklären, was Claire gerade umtreibt: „Claire ist gerade in einer schwierigen Situation: Da kommt ein neues Baby, sie ist frisch in der Schule und wir reden immer wieder über einen Umzug. Das sind viele Veränderungen auf einmal. Womöglich einfach zu viele. Sie hat schon immer stark auf Veränderungen reagiert. Auch schon in der Kita, wenn ein Erzieherwechsel anstand oder die Gruppe neu formiert wurde.

Gerade gefühlsstarke Kinder können bei Veränderungen sehr stark reagieren.

Es ist erstmal völlig normal und muss verständnisvoll und eng begleitet werden. Und da ist das erste Problem. Ich kann das gerade nicht leisten. Meine Kraft reicht gerade nicht aus, um Claire die Zuwendung und Aufmersamkeit zu schenken, die sie wohl gerade benötigt, denn ich habe ja noch Marie und bin oft erschöpft durch die Schwangerschaft.“

Erklärungsversuche – was Claire eigentlich sagen will

Bis hierhin schien Laura gut folgen zu können. Uff! Es ist nicht gerade einfach sowas zu erklären, ohne das Kind direkt in Schubladen zu stopfen. Das möchte ich nämlich gar nicht… Aber andererseits möchte ich halt verdeutlichen, dass Claires Reaktionen absolut normal sind und keinesfalls verletzen sollen – oder gar bedenklich sind. Das empfinde ich bei „themenfremden“ Menschen wirklich als schwierig. Also erkläre ich weiter.

„Ich denke nicht, dass Claire dich wirklich hasst, wenn sie das sagt. Eigentlich steckt was anderes dahinter. Sie will dir sagen: „Ich hasse es, dass du Zeit mit meiner Mama verbringst“. Aktuell instruiere ich sie ja noch und unterhalte mich auch mal mit ihr und sie kümmert sich lieb um mich. „Wenn Claire so reagiert, dann eher, weil sie Angst hat, dass ihr noch mehr Zeit mit mir verloren geht, als ohnehin. Sie möchte mich nicht teilen. Und auch ihre Schwester nicht. Sie merkt, dass Marie dich sehr mag und hat nun Angst auch noch ihre Zuneigung zu verlieren.

Aufmerksamkeit füllt ihren Liebestank

So empfindet sie das, wenn man ihr nicht die notwendige Aufmerksamkeit schenkt. Aufmerksamkeit ist ihre Art ihren Liebestank zu füllen. Keine Aufmerksamkeit entzieht dem Tank leider die Füllung. Wenn Marie mit dir Zeit verbringt und dich so anhimmelt, fühlt sie sich dadurch weniger geliebt. Dass du eigentlich als Entlastung für mich da bist, versteht sie gar nicht so richtig. Ihr Kopf geht dann manchmal in eine Art Panik-Modus und dann helfen alle Erklärungen gar nichts mehr. Der Verstand setzt aus. Da muss man mit Fingerspitzengefühl ran. Das ist nicht einfach. Ich scheitere auch immer wieder daran. Aber glaube mir:

Wenn sie sagt ich hasse dich, meint sie vielmehr, ich will nicht, dass du Zeit mit Mama oder Marie verbringst, weil ich Angst habe, zu kurz zu kommen. Sie wendet es gar nicht persönlich gegen dich. Sie drückt damit nur ihre Ängste aus. Versuch es nicht persönlich zu nehmen.“

Der Panic-Modus

Ich glaube Laura hat das ganz gut verstanden, wenngleich sie dennoch traurig ist, wie es aktuell läuft. Also habe ich versucht ihr weiter zu erklären, dass Kinder in diesem Alter einfach noch nicht so weit sind, ihre Emotionen korrekt zu benennen, wenn sie im „Ausnahme-Zustand“ sind. Das trifft nicht auf alle Kinder zu – klar. Aber manche Kinder, eben auch Claire, geraten in einen Zustand großer Frustration und Wut:

„Ich verstehe Claire in diesen Situationen sehr gut. Auch ich bin gefühlsstark, wenngleich mir vieles abtrainiert wurde (durch Schläge, Drohungen, Strafen…). Aber, wenn ich mich in die Ecke gedrängt, unfair behandelt oder einfach zu sehr gepiesackt fühle, dann sehe ich auch rot. Diese Situationen kommen zum Glück seltener vor, als bei Claire. So ein bisschen mehr Selbstregulation ist da vorhanden. Aber dennoch.

Ich habe ihr auch schon in der Wut gesagt, dass ich die Nase voll von ihrem Verhalten habe und sie jetzt nicht sehen will. Ich habe meinem Mann schon wütend zugeschrien, dass ich mich scheiden lassen werde, weil er so ein egoistischer Arsch ist.

Was ich sage, was ich meine…

Und, und, und. Wenn ich es als gefühlsstarke Erwachsene nicht schaffe meine Emotionen zu regulieren und in Worte zu fassen, was ich wirklich meine – „Dein Verhalten hat mich sehr verletzt und ich kann damit nicht umgehen – wie soll es meine 6-Jährige schaffen?

Aktuell besuche ich eine Art Coaching (Emotionelle erste Hilfe), um diese Selbstregulation zu verbessern und dies dann wiederrum an Claire weitergeben zu können. Denn das ist wohl das Einzige, was auch ihr helfen kann: Vorleben, wie man mit der Wut im Ausnahmefall umgeht und gemeinsam Strategien suchen, die helfen, diese zu lenken.

Gemeinsam wachsen oder scheitern

Ich darf mich nicht verletzen lassen, ich muss ebenfalls darüber stehen und ihr zeigen, wie man diesen Frust aushält. Wir werden im Bestfall also beide an dem Prozess wachsen. Im Schlimmstfall scheitern wir dabei und die Pubertät wird echt hässlich werden.“

Ich denke, diese Art „Übersetzungshilfe“ kann Laura helfen mit den Situationen umzugehen. Noch bin ich ja auch da, um sie abzufedern. Ich hoffe dennoch, dass es auch mal möglich sein wird, sie und die Mädchen allein zu lassen, damit ich mit meinem Mann nochmal intensive Paarzeit erleben kann, ehe das Baby kommt…

Bitte sehe mich und meine Bedürfnisse, Papa!

Das würde uns als Paar, aber auch ihm als Papa gut tun, denke ich. Denn auch er bekommt immer wieder ein „Ich hasse dich Papa!“ ab. Und auch ihm versuche ich zu erklären, dass sie ihn nicht wirklich hasst. Warum ich das denke? Tags drauf kuschelt sie sich in seine starken Arme und besteht darauf, dass er sie einschlafbegleitet. Ganz eng an ihn gedrückt. Es besteht noch eine Verbindung zwischen den beiden, wenn auch vielleicht schwächer als zu mir.

Ihr „Ich hasse dich!“ bezieht sich in diesem Fall nämlich nicht auf ihn persönlich, sondern mehr auf den Umgang mit ihr. Mein Mann ist strenger als ich, vielleicht auch nicht ganz so geduldig. Er schaut nicht immer hinter ihre Motivation, sieht sie manchmal auch einfach nicht. Zu stark ist er da noch in alten Mustern gefangen und lässt sich von „das Kind muss aber x und y tun“ treiben.

Claires „Ich hasse dich“ heißt vielmehr „Ich wünsche mir, dass du mich und meine Bedürfnisse besser sehen kannst! Ich fühle mich oft unfair behandelt. Du siehst mich gar nicht! Sei nicht immer gleich so forsch und versuche mich doch zu verstehen.“

Foto: André Hansmann (Instagram: @ahaeffects)

Angriff ist die beste Verteidigung

Das kann sie natürlich noch gar nicht verbalisieren. Schon gar nicht im Frustfall. Aus der Verzweiflung heraus versucht sie sich zu verteidigen und haut eben genau den Satz raus, der uns am meisten verletzen kann. Das merkt sie, natürlich. Sie möchte sich in dem Moment schützen, indem sie auf Angriff geht. Ein ganz natürlicher Ablauf! Nur sehr sehr schwierig auszuhalten. Oft schaffe ich das auch nicht und gehe ebenfalls in den Attack-Mode. Ganz schön verzwickt…

Das kann man übrigens immer so weiterspinnen. Das „Ich hasse dich“ steht für so viel! Im Falle von „Marie, ich hasse dich!“ wäre es eher ein „Marie, ich finde es blöd, dass Mama mehr Zeit mit dir verbringen kann, als mit mir, weil du zu Hause sein darfst und ich in die doofe Schule gehen muss. Das ist unfair! Ich will auch mehr Zeit mit Mama haben! Und immer darfst du an ihre Brust und intensiv mit ihr kuscheln. Das will ich auch. Ich will genauso viel Nähe haben, wie du!“

Übersetzungshilfe Dank Wunschkind-Buch

Diese Hassbotschaften zu übersetzen gelingt mir nicht immer. Und oft lasse ich mich auch dadurch angreifen oder es entweicht mir ein „Sowas sagt man nicht!“. Das ist natürlich nicht gut, da ich sie in dem Moment nicht in ihrem Schmerz sehe. Aber ich bin eben auch nur ein Mensch und manchmal ist es mir zu viel…

Es ist wirklich wichtig die Botschaften nicht durch das Beziehungsohr zu hören, sondern das Selbstoffenbarhungsohr – Geholfen hatte mir dabei beispielsweise „Das gewünschsteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn – Gelassen durch die Jahre 5 bis 10„. Hier sind einige „typische“ Kindermund-Sätze aufgelistet, inklusive Übersetzungshilfe. DANKE!!!!

Nur Begleiten ist auch nicht richtig

Dadurch mit welchem Blick die Autorinnen auf die Kinder gesehen und ihr Verhalten übersetzt haben, gelang es mir auch nach und nach Claires verbale Attacken zu übersetzen und verstehen Aber das ist ein echt langer, schwieriger Prozess. Zum Glück helfen die Inhalte des Buches mit einigem Klarzukommen. Ich werde euch das Buch auch demnächst vorstellen und kann es allen Grundschuleltern nur wärmstens empfehlen! Die Wackelzahnpubertät ist einfach ne fiese Sache.

Tja nun nun? Durchhalten ist die Devise. Aushalten, Begleiten, Verständnis, Geduld… Versteht mich nicht falsch. Es ist jetzt nicht so, dass Claire ungefiltert diese Aussagen macht und ich reagiere dann nicht darauf. Solche Aussgaen sind verletzend. Gerade Laura gegenüber.

Darum spreche ich mit Claire – meist nachdem sie sich beruhigt hat, aber auch mal in der Situation selbst – darüber, dass eine solche Aussage sehr verletzend ist und weh tut. Laura, ihrem Papa oder auch mir.

Da sehe ich natürlich meine Verantwortung ihr das zu spiegeln und klar zu machen, dass ich sie zwar verstehe, aber da dennoch unglücklich darüber bin.

Strafen gibt´s dennoch nicht

Sie wird dafür aber nicht bestraft oder Ähnliches. Das ist der Unterschied zu meiner Kindheit. Ich verbiete ihr nicht den Mund, ich schicke sie deswegen nicht auf ihr Zimmer damit sie „darüber nachdenken kann, was sie da gerade gesagt hat“ – macht eh kein Kind. Ihre Wut hat hier Raum, dennoch versuche ich Wege zu finden, ihr bei der Selbstregulation zu helfen. Da empfinde ich es als wichtig zu signalisieren, wenn sie persönliche Grenzen übertritt.

Ich bin gespannt, was passiert, wenn das Baby da ist. Ich versuche mir nun wieder mehr Zeit im Alltag zu nehmen und ihr Exklusivzeiten zu schenken. Dank Laura klappt das ja jetzt gut. Sie bespaßt Marie und ich kann mit Claire Zeit verbringen. Bis zur Geburt handhabe ich es jetzt erstmal so. Ist natürlich auch nicht so sehr entlastend, aber notwendig. Ausruhen ist für Mamas halt einfach nicht 😉

Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wie geht ihr mit einem „Ich hasse XY!“ um?