Als ich das Buch „All die verdammt perfekten Tage“ ausgelesen hatte, war ich fertig. Fertig mit den Nerven, mit der Welt, mit allem. Es ist ein Buch über Depressionen, Bipolare-Störung, Gewalt und Liebe. Es zeigt, wie verletzlich die kindliche Seele doch ist und was Ignoranz mit dem Leben eines unschuldigen Kindes anstellen können. Wenn Mütter nicht mehr weiter wissen, nur noch mit sich selbst beschäftigt sind und ihren Kindern nicht genug Aufmerksamkeit zollen, bahnt sich ein Super-GAU an. Wie auch bei Andrea (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 17 Jahre alt, wird demnächst ihr duales Studium beginnen, hat einen Top-Notendurschnitt, ist beliebt, hatte tolle Freundinnen und – sie hat Depressionen. Daher möchte ich euch heute Jugend-Depressionen anhand eines Interviews näher bringen. Doch zunächst möchte ich Andrea meinen größten Respekt aussprechen, dass sie sich zu einem Interview bereit erklärt hat und eine solch große Offenheit an den Tag gelegt hat. So ehrlich können viele Erwachsene nicht mit sich selbst und ihrer Krankheit umgehen. Danke Andrea! Ich hoffe dein Beitrag macht anderen Mut, ebenso aktiv gegen ihre Krankheit vorzugehen oder zumindest darüber zu sprechen…

Aus Angst vor Ablehnung hat sie es keinem erzählt

Andrea leidet seit über einem Jahr an Depressionen. Zumindest schätzt sie es selbst so ein. Außenstehende sind sich sicher, dass die Anfänge bereits früher ihre Wurzeln schlugen, vor 5 oder vielleicht sogar 9 Jahren. Erzählt hat sie es aber niemandem, da sie dachte, es interessiert sich ohnehin niemand dafür. Eigentlich ein Armutszeugnis für ihre Familie. Allerdings sind die Denkmuster von Erkrankten manchmal auch sehr wirr und vieles wird missverstanden. Sie konnte sich niemandem anvertrauen. Nicht ihren Freundem, ihrem derzeitigen Freund oder ihrer Familie. Diese sowie ihre besten Freunde wissen nun seit knapp 1 Monat Bescheid. Zuvor hat sie sich nicht getraut:

„Ich dachte mir hört keiner zu oder stempelt mich ab“.

Die Reaktionen waren verschieden. In ihrer Familie stieß sie gleichermaßen auf Verständnis und Zuspruch, wie auf Ablehnung und Hilflosigkeit. Ihre Freunde reagierten im ersten Moment geschockt, sie ahnten nichts davon. Waren aber dann natürlich für sie da.

Schamgefühl bei Depressionen

(c) Pixabay.com

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens

Sie ist nun seit knapp 2 Wochen in Therapie, ganz frisch also. Es handelt sich um eine Logotherapie d.h. „Zurückfinden zum Sinn des Lebens“. Noch kann sie keine Aussage darüber machen, in wie fern ihr das etwas nutzt, da der Zeitraum och zu kurz ist. Generell wird die Existenzanalyse zur Sinnorientierung und Neuorganisation des Erlebens und Verhaltens eingesetzt. Es gibt verschiedene Formen dieser Therapieform, letztlich soll Betroffenen einfach neuer Lebensmut geschenkt werden. Tatsächlich habe ich noch gar nicht von dieser Form gehört und bin mehr mit der Gesprächstherapie oder medikamentösen Behandlung vertraut. Die bisherige Berhanldung verlief eher noch befremdlich für Andrea:

„Es ist ungewohnt einem fremden Menschen gegenüber vollkommen offen zu sein und alles zu erzählen […] es ist einfach sehr komisch und ungewohnt“.

Da kann ich sie aber beruhigen: Ich denke es geht allen Betroffenen (mich eingeschlossen) so. Ein bisschen Angst ist immer dabei. Wenn man sich dem Gegenüber gar nicht anvertrauen kann, stimmt womöglich die Chemie nicht und man sollte den Therapeuten wechseln. Das kann Wunder wirken…

Gewalt und Nötigung durch ihren Freund

Doch woher kam nun eigentlich der Wunsch, nach Hilfe? Was hat Andrea den Anstoß gegen etwas zu tun? Wie so oft, musste de Situation erst eskalieren. Ihre Kindheit und Jugend war nie wirklich einfach, doch was ihr bereits in der Pubertät widerfahren ist, ist einfach schrecklich. Man mag es sich kaum vorstellen, doch in ihren jungen Jahren hat sie schon sehr viel  körperliche (und leider  auch seelische) Gewalt erfahren.

„Der Auslöser für meine Suche nach Hilfe war die wiederholte Körperverletzung durch meinen Ex-Freund und die daraus resultierende endgültige Trennung vor knapp einem Monat“.

Das junge Mädchen hatte immer wieder blaue Flecke und leichte Würgemale am Körper. Sie wurde eingeschüchtert, so sehr, dass sie nicht einmal ihre Familie, die weiter weg wohnt, besuchen gefahren ist. Ihr damaliger Freund hatte sie unter seiner Kontrolle. Die Äußerlichen Anzeichen der Gewalt hat sie versteckt oder möglichst keck geantwortet, wenn man sie darauf ansprach. So hat es einfach niemand mitbekommen. Am Tag X eskalierte alles, sie wollte sich trennen und wurde zu sexuellen Handlungen genötigt, obwohl sie es nicht wollte. Ihre Trennungs-Gesuch wurde von ihrem Ex mit Drohungen kommentiert. Dann brach alles aus ihr heraus. Tatsächlich war ihr Geständnis, dass sie bereits mehrmals geschlagen worden ist ein riesen Schock. Ihre Geschwister waren drauf und dran Selbstjustiz zu üben. Durch den Druck erlitt sie einen Zusammenbruch. Sie war fertig mit den Nerven. Natürlich hat sie ihr Verstand davon abgehalten. Stattdessen hat Andrea aber direkt (durch die Untersützung ihrer Geschwister) Anzeige erstattet und eine einstweilige Verfügung erwirkt. Es folgte ein erneuter Zusammenbruch, der Schulpsychologe wurde eingeschaltet und Schlag auf Schlag wurden weitere Therapeuten zugezogen, um der Abiturientin in ihrer schwierigen Zeit beizustehen. Das Szenario bildet leider nur den Gipfel eines sehr hohen Eisberges.

„Größtenteils belastete mich aber auch meine Kindheit, die nicht so gut verlaufen ist“.

Übersicht-Tour

Zu viel Druck und Verantwortung in der Kindheit

Durch die Trennung ihrer Eltern wurde ein enormen Druck auf sie ausgeübt. Ihr Vater wollte ihre Mutter stets madig reden, hat versucht sie mit Geschenken zu bezirzen. Einerseits wollte sie natürlich zu ihrem Vater, andererseits war sie aber seinen Bestechungen auch nicht gewachsen. Hinzu kam dann die Berufstätigkeit ihrer Mutter. Als Alleinerziehende (und ohne Unterhalt vom Vater der Kinder) konnte sie es sich nicht erlauben zu Hause zu bleiben. Andrea nahm eine Art Ersatzmutterrolle ein. Bald fühlte sie sich für alles verantwortlich was schief lief. Die Trennung, die Probleme mit den anderen Kindern, die Herz-Krankheit ihrer Mutter. Viel zu viel Verantwortung und Druck für so ein junges Herz. Es hat tapfer durchgehalten, sich immer wieder aufgerappelt in den letzten Jahren. Die 17-Jährige hat sich geritzt, ein kleiner Notruf in die Außenwelt, der nicht so wirklich erhört worden ist. Also ist sie verstummt, fraß alles in sich hinein. Hier haben viele Personen an so vielen Ecken versagt – nur eine nicht, und was war Andrea! Sie hat weiter gekämpft, während Eltern, Geschwister, Lehrer und Freunde nicht mitbekamen, wie schlimm es tatsächlich um sie stand. Meine Bitte: Bei den kleinsten Anzeichen von Depressionen, muss gehandelt werden! Ist so eine junge Seele angekratzt, kann man den Schmerz noch lindern. Ist sie erst zerbrochen, dauert der Heilungsprozess sehr viel länger, vielleicht heilt sie Seele sogar nie vollständig.

Mittlerweile erfährt sie sehr viel Unterstützung von ihren Geschwistern,  besten Freunden, Lehrern und anderen Bekannten. Nur von ihrer Mutter kaum. Da fühlt sie sich im Stich gelassen. Schlimmer: Sie fühlt sich wie ein Klotz am Bein, weil ihre Probleme nun mit den Problemen der Mutter kollidieren. Das hat mich direkt an das Buch zurück erinnert, da die Mutter dort nach der Scheidung so sehr mit sich selbst beschäftigt ist, dass sie das Leid ihres Sohnes überhaupt nicht mitbekommt. Mittlerweile vertraut Andrea sich anderen an, erfährt Hilfe. Jetzt spricht sie alles aus, ist im Dialog mit ihren Geschwistern und öffnet sich. Auf die Frage, wie es zu den Depressionen kommen konnte, antwortete sie:

„Dass ich immer nur meine Probleme verdrängt habe und mich nie dem gestellt habe was nötig war, d.h. mich nie gewehrt habe und alles einfach nur ertragen habe bis zu einem Punkt an dem ich mich umbringen wollte“.

Ein neuer Schock, denn von den Gedanken, dass sie tatsächlich aufgeben und sterben wollte, haben sie nichts geahnt. Gott sei Dank hat sie es aber nicht in die Tat umgesetzt. Im Gegenteil. Sie ist und bleibt eine Kämpferin und macht weiter. Sie will weiter machen und den Kampf gegen die Depressionen gewinnen:

„Wirklich durchziehen konnte ich das nie und werde ich auch nie weil ich leben will“.

Jugend-Depressionen

(c) Pixabay.com

„Sie könnte sich mit mir hinsetzen und einfach mal reden…“

Da sich eine Depression in sehr vielen Formen äußern kann und neben den Selbstmordgedanken auch andere Symptome aufweisen kann, habe ich Andrea befragt, wie sie ihre Depressionen bisher für sich selbst erlebt hat. Sie beschrieb, dass sie geistig oft ganz woanders gewesen sei. Kaum ansprechbar. Oft aber breche sie auch einfach zusammen, sei von einem Schüttelfrost geplagt, nicht Herr ihres Körpers.

Ich weine wegen den kleinsten und unbedeutendsten Sachen… Ich fühle mich alleine gelassen und leer obwohl ich eine super Zukunft vor mir habe und weiß auch gar nicht, was ich mit mir selbst anfangen soll“.

Kein Mensch und schon gar keine junge Erwachsene mit so einer vielversprechenden Zukunft sollte sich leer fühlen. Hätte man die Symptome früher ernst genommen und agiert, wären die Auswirkungen nicht so verheerend wie jetzt. Knapp 1000 Jugendliche nehmen sich jährlich das Leben. Andrea gehört jetzt nicht mehr dazu – ich hoffe, dass es so bleibt. Was sich Andrea wünscht? Das ist erstmal einfach

„Dass ich irgendwann wieder unbeschwert sein kann und mich keine Alpträume mehr plagen… Dass ich lachen kann und glücklich bin.“

Darüber hinaus sucht sie aber auch das Gespräch und das Verständnis ihrer Mutter. Sie hat klare Vorstellungen davon, wie das ablaufen soll. Sie wünscht sich, dass sich ihre Mutter für sie einsetzt und zuhört. Stattdessen aber erfährt Andrea aktuell gegenteilige Reaktionen, weil die Therapie nun auch mehr Stress für sie bedeutet. Hinzu kommt, dass der Ex-Freund Widerspruch gegen die Einstweilige Verfügung eingelegt hat und sie nun vor Gericht ziehen müssen. Ein Problem jagt das nächste und mittendrin steht Andrea, die sich eigentlich nur eines von ihrer Mama wünscht:

„Sie könnte sich mit mir hinsetzen und einfach mal reden und auch mal fragen wie es mir geht.

Ich wünsche Andrea von Herzen Kraft für ihren weiteren Weg, denn eine Therapie ist leider erst der Anfang. Aber ein entscheidender. Ich wünsche, dass sie mit ihrer Mutter einen Ansatzpunkt und damit eine Verbündete im Kampf gegen die Depressionen finden wird. Vielleicht können sie sich gegenseitig helfen, mit ihren Problemen klar zu kommen.

Liebe Andrea, lieben Dank dafür, dass du mir und meinen Lesern dein Herz ausgeschüttet hast. Das bedeutet mir sehr viel! <3

„All die verdammt perfekten Tage“-Gewinnspiel

Wenn ihr euch nun durch das gesamte Interview gekämpft hat, will ich euch natürlich auch belohnen 🙂 Zu gewinnen gibt es Print- und Hörbuchexemplare von „All die verdammt perfekten Tage“. Wenn ihr in den Lospot hüpfen möchtet, beantwortet mir bitte folgende Frage:

Was ist für euch der Sinn des Lebens?

Gewinnspielbanner

Teilnahmebedingungen:

  • Teilnahme ab 18 Jahren oder mit Einverständniserklärung der Eltern.
  • Versand nur innerhalb von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für den Postversand wird keine Haftung übernommen.
  • Das Gewinnspiel endet am 17.01.2016 um 23:59 Uhr. Mit der Teilnahme am Gewinnspiel erklärt man sich im Gewinnfall bereit, öffentlich namentlich am Ende der Blogtour genannt zu werden.
  • Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.
  • Keine Barauszahlung des Gewinnes möglich.
  • Das Gewinnspiel steht in keiner Verbindung mit Facebook und wird nicht von Facebook organisiert.