Sommer 1990 – ein Baby verändert mein Leben.

Wie der Sommer 1990 alles veränderte: Baby im Anmarsch

Die morgendliche Prince Denmark teerte die Lunge. Kaffee, schwarz. Laute Technomusik, irgendein Mitschnitt aus dem Frankfurter OMEN, mein damaliges zweites Hause. Mein Autismus kommt interessanterweise mit dieser Musik prima klar, noch heute. Meine heutige Ex Frau saß mir gegenüber. Etwas blaß um die Nase. Ein Verdacht entstand in den letzten Tagen. Wir gingen also zur Apotheke. Einen Schwangerschaftstest kaufen.

Können wir das, Eltern?

Während ich mich in den Regalreihen versteckte, ging meine Frau an den Tresen. Kaufte den erstbesten. Der soll auch nichts groß können. Drüberpinkeln, Gewissheit schaffen. Zuhause angekommen verschwand sie sofort im Bad. Ich saß auf dem Balkon. Diese Minuten zogen sich wie Kaugummi. Bin ich schon so weit? Sind wir so weit? Können wir Eltern? Haben beide nicht die allerbesten Erfahrungen mit dem eigenen Elternhaus gemacht. Prägt sowas? Wenn ja, wie? Macht man es nicht eh genauso, weil es in den Genen liegt? Es kam, wie es kommen musste. Ich bekam den noch feuchten Test auf den Tisch gelegt, meine Frau setzte sich an das andere Balkon Ende, ich solle das Ergebnis beobachten. Als wenn ich einen vollgepinkelten Stab anfassen könne … Tja. Zwei Striche. Herzlichen Glückwunsch. Yay.

Im Radio lief „Papa, don’t preach“ von Madonna. Meine Frau summte das im ersten Moment mit. Kreidebleich. Wir waren grade wenige Wochen zusammen.

Kurze Randnotiz: Alle meine Kinder waren Schnellschüsse zwischen 1-3x probieren. Ließ sich am Kalender nachstellen. Es folgt also die typische Odysee. Frauenarzt. Die AOK Abende „Sie werden Eltern, freuen Sie sich gefälligst“. Erste Proben von Windel- und Teeherstellern flatterten ins Haus. Wir haben also gleichzeitig ein Abo abgeschlossen für all die kleinen Dinge des Babyalltages abgeschlossen. So so. Die Nachbarschaft schmunzelte bereits, wenn der Paketbote mal wieder die Pakete anschleppte mit den bekannten Logos auf der Kartonage. Die eh schon üppige Oberweite wich einem prallen Buffet, dass jeden Melonen Liebhaber träumen lassen würde. Die Stimmungen waren irgendwas zwischen „musste das echt sein, Blödmann?“ und „wir werden eine Familie, yay“.

Gemeinschaftliches fett werden

Anfang 20. Noch nichts groß von der Welt gesehen. Grade erst Fuß fassend in der Berufswelt. Nun gut. Ist jetzt eben so. Hätte ich damals geahnt, dass mir 10 Monate lustiger Hormonschwankungen bevorstehen, ich hätte den Pilgerpfad gewählt und wäre, wie Hape Kerkeling, einfach mal spazieren gegangen. Was man sich in der Zeit als Mann so alles anhören muss. Und, als wenn das noch nicht reichen würde, man(n) wird fett. Patriotisch. Oder, weil es nicht anders geht. Das nächtliche Wecken. „Schatz, Vanille-Eis und Schokoladensoße, JETZT“. Mehr schlafend als wach ins Auto, ab zur Tanke. Schleppt dem nörgelnden Ding im Bett das Eis heran. Will weiterschlafen, man hat ja schließlich noch einen Job. Nix da. Gemeinsam Eis essen. Nachts, um 2. Was tut man(n) da nicht alles. Nach 3 Happen reichte es. Mehr ginge nicht mehr rein. Angetaut kommt das nicht mehr in die Kühlung, also isst man(n) eben auf. Ich habe in der gesamten Zeit 12 Kilo zugelegt. Und nie wieder verloren. Weil noch 4 weitere Kinder kamen.

Bye bye geiler Body anno 1990, herzlich Willkommen der Wampe für den Rest des Lebens.

Vanille Eis mit Pommes

Zumindest weiß ich seit damals, dass Salami mit Nutella das Herz und die Plauze aufgehen lassen, wenn man beides auf einem Brot hat. Oder Vanille Eis mit Pommes. Mälzer kann mit seiner Kochshow einpacken, eine Schwangerschaft schreibt die besseren Rezepte. Ja, ich hatte etwas Zweifel an mir. Kann ich Vater? Speziell, da meine Kindheit sowas von zum Kotzen war und mein Autismus mir gerne mal im Weg steht. Man(n) gibt im Grunde ja alles auf, was man bis dahin hat. Freiheit. Tun und lassen, was man möchte. Mit der grade gefundenen Liebe die Welt entdecken. Alles dahin. Für ’ne halbe Stunde Spaß. Nun gut. Abtreiben stand nie zur Debatte.

Der Termin rückte näher. Der Babybauch wirkte wie ein neues Bundesland mit eigener Postleitzahl. Die Brüste auch. Deutschland 1990 – jetzt mit 19 Bundesländern. Limited Edition. Wir hatten bereits ein paar Tage übertragen. Ja, ich auch. Man möge sich an die entstandende Wampe erinnern. Aber, ich konnte betteln, solange ich wollte, ich dürfte nicht entbinden. Irgendwas. Hauptsache, die neuen 12 Kilo sind weg. Am Ende der Schwangerschaft standen wir bei 14 Tagen drüber. Grünes Fruchtwasser. Notkaiserschnitt. Wer war der einzige Mensch, der völlig entspannt im Kreissaal stand? Richtig. Ich bin in solchen Momenten zu rational, sagt man. Andere Väter saufen sich nach der Geburt einen, ich saß daheim und hab ein Buch gelesen. Nicht mal eine Pinkelparty.

Jetzt ist alles anders

Als ich diesen Begriff das erste Mal hörte, dachte ich auch spontan an eine heimische Fetischparty auf Lackdecken. Nee, nichts für mich. Es ging alles sehr schnell. Der Bub war leicht angefressen an der Haut durch die Übertragung. Aber, gesund. Die ersten Minuten verbrachte er mit mir, während man der Mama eine fesche Kreuznaht an der Kaiserschnittnarbe verpasste. Und, es kam, wie es kommen musste. Ich war Vater. Boing. Mehr Realität geht nicht. Die kleinen Finger umschlossen meinen Zeigefinger.

Ab dann dreht sich die Welt andersherum. Wie ein linksanstelle einem rechtsdrehenden Joghurt.

Das Leben bekommt ein Gesicht. Ein neues Gesicht. Vergessen sind all die Monate. Zugegeben, bedingt durch die Hormone musste ich meine Frau häufiger „entertainen“ als eh schon und ja, ich hatte manchmal keine Lust und den Orgasmus vorgetäuscht. Aber, mit einer hormongesteuerten, schwangeren Frau legt man sich nicht an. Die ist schneller im Axt-Modus als jeder kanadische Waldarbeiter. Zumindest sie war es. Mittlerweile weiß ich, dass Frauen da sehr unterschiedlich sein können, bis hin zu 9 Monaten gar kein Entertainment Programm auf dem Futon.

Was gibt es Wichtigeres im Leben, als ein Baby?

Die erste gewechselte Windel war lächerlich gegen das, was folgte und auch wenn ich jetzt Details vermeiden will, wir haben regelmäßig Papier/Stein/Schere gespielt, wenn wir eine Ahnung hatten, was sich da in der Windel verstecken könnte. Speziell, als der Bub später im Buggy mit hochrotem Kopf so drückte, dass es mit einem lauten Wumms entwich, und oben am Kragen grün heraus kam. Eltern werden wissen, was ich meine. Das macht keiner gerne freiwillig. Wir lernten, dass es jeden Zustand in allen möglichen Erdfarben haben kann. Man konnte fast erraten, was es zu essen gab.

Aber, wir waren stolz. Es war unser Bub. Gesund, munter. Die Ehe hielt nicht, der Bub aber ist heute Mitte 20 und, ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie mein Leben ohne ihn verlaufen wäre. Dieses Erlebnis hat mich im Leben ankommen lassen. Hat mich „reifer“ werden lassen. Hat mich gelehrt, dass es auch noch was anderes gibt neben nächtlichem Umherstreifen in einer Großstadt mit pfeifenden Ohren von zu lauter Musik.

Von | 2017-11-30T21:29:12+00:00 Dezember 3, 2017|Kategorien: Dies & Das, Mutterleiden|Tags: , , , |0 Kommentare

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