Ich war schwanger. Oder auch nicht. Zwei positive Schwangerschaftstests, HCG im Blut und dennoch glaubt mein (Ex-) Frauenarzt nicht daran, dass ich schwanger bin/war. Die letzten Tage waren ein einziges Gefühlskarussel für mich. Zwischen Hoffnung, Vorfreude und Trauer. Doch auch Wut und bittere Enttäuschung. Ich wurde im Stich gelassen, nicht für voll genommen… Was passiert ist? Ich erzähle euch das mal von vorne…

Mohnblüte im Regen

Ein Schuss, ein Treffer

Meine Mama hat geheiratet. An ihrem Ehrentag hatte ich vorsorglich einen Schwangerschaftstest gemacht, um mit ihr anstoßen zu können – oder auch nicht. Der Test war negativ, also gab es ein Glas Sekt für mich. Drei Tage später ist die Periode noch nicht da. Ich hatte ein Doppelpack Teststreifen gekauft und spaßeshalber auf den Streifen gepinkelt: „Wird wohl der Hochzeits-Stress sein“, dachte ich mir. Und dann das: Zwei Streifen! Zwei verdammte Streifen, also schwanger! Ich war mega-happy! Ich habe meinen schlaftrunkenen Mann aus dem Bett geholt und hätte am liebsten Lambada um ihn herumgetanzt. Wir fingen erst im Juni damit an, auf Verhütung zu verzichten und statt einer Schwangerschaft hatte ich mir direkt eine Gebärmutterentzündung eingefangen. Args, nachdem ich endlich wieder schmerzfrei war und das Go vom Frauenarzt kam, haben wir weitergemacht und zack: Direkt schwanger.

Apps, Vitamine, Gefühle – Im Zeichen der Schwangerschaft

Was ein Glück. Ich habe mir direkt eine Schwangerschafts-App geladen und meine Präparate gewechselt: Statt reiner Folsäure sollte es nun auch Vitamine und Co. geben. Dieses Mal wollte ich alles von Anfang an richtigmachen! Bei Claire hatte ich nämlich anfänglich über eine Abtreibung nachgedacht, statt mich zu freuen. Diesmal aber war die kleine Mohnblüte (so haben mein Mann und ich das Baby getauft, weil es Mohnsamen-groß war) durch die Bank geplant. Diesmal wollte ich mein Baby von Anfang an willkommen heißen (ja so ein bisschen ein schlechtes Gewissen gegenüber Claire kristallisiert sich da heraus). Sofort fing ich an mit meinem Bauch zu reden. Das Baby darauf vorzubereiten, was die nächsten Monate kommen würde. Ich habe meinen Bauch gestreichelt – damit fing ich in der letzten Schwangerschaft ziemlich spät an und bereue es bis heute.

Positiver Schwangerschaftstest

Schier geplatzt vor Freude

Ich habe viel Gemüse und Obst gegessen, selbstverständlich auf Koffein und Co. verzichtet (Alkohol war sowieso bis auf die Ausnahme tabu) und brav meine Vitamine/Folsäure genommen. Jeden Tag habe ich die App verfolgt, die neue Informationen zur Schwangerschaft preisgegeben hat. Abends saß ich mit meinem Mann auf der Couch und wir haben über Babynamen sinniert. Darüber, wie nun alles weiterlaufen sollte. Wir haben uns gefreut – gemeinsam. Auch Claire habe ich eingeweiht (ein böser Fehler).

Und, weil ich so glücklich war habe ich auch guten Freunden, der Familie und ein paar ausgewählten Menschen von dem Baby erzählt. Ich war so scheiße glücklich, dass ich geplatzt bin und es einfach weitererzählen musste – auch ein naiver Fehler. Man kann sagen: Ich war extrem happy und habe mich sehr auf den Zuwachs gefreut (mein Arbeitgeber wird sicherlich schlucken, wenn er das liest. Keine Ahnung wie aus einer Rabenmutti eine Gluckenmama wurde – Tschuldigung)

Ein Idiot von einem Arzt

Knapp eine Woche nach dem positiven Test hatte ich einen Termin beim Arzt (8 Tage überfällig). Da ich mit meiner bisherigen Ärztin nicht warm geworden bin, entschied ich, einen neuen Arzt auszusuchen. Auf einem Bewertungsportal hatte er durchweg gute Bewertungen erhalten. Ich war also guter Dinge. Wir wurden nett empfangen, die Praxis machte einen guten Eindruck. Im Sprechzimmer selber merkte ich dann schon, dass der Arzt ein wenig distanziert wirkte. Er fragte mich über die Schwangerschaft aus und, ob ich Schmerzen hätte (nun ja, ein ekliges Ziehen in der Brust halt).

Beim Ultraschall fragte er noch, wie ich die Schwangerschaft festgestellt hätte. Als er fertig war, der Schock: „Sie sind nicht schwanger! Im Ultraschall war nichts zu erkennen. Im Urin konnte kein HCG nachgewiesen werden“. Wie bitte?! Ich war völlig geschockt und ratlos. Angeblich hätte ich den Schwangerschaftstest wohl falsch angewendet (ich habe den Abschluss in „Auf Papier pissen“ wohl verpasst) und die Periode verzögere sich stressbedingt. Dennoch hat er einen Bluttest angeordnet, um sicher zu gehen, aber:

„Machen Sie sich aber keine Hoffnungen, Sie sind definitiv nicht schwanger“

Schwanger oder nicht schwanger?

Als wir draußen waren, brach ich in Tränen aus. Wo ist ein Baby? Was ist da passiert? Ich wusste nicht, wo oben und unten war. Zu Hause war ich noch immer sprachlos. Ich habe meinen Mann losgeschickt um einen digitalen Test zu kaufen. Ich wollte es schwarz auf weiß haben, um zu verstehen. Am Morgen habe ich den Test gemacht und dann: schwanger. Wie bitte was?! Was ist denn jetzt los? Positive Schwangerschaftstests ohne eine Schwangerschaft können Vorboten von Tumoren sein. Plötzlich haben mich die Bilder von meinem Vater eingeholt, der erst im Februar an Krebs verstarb. Jetzt war ich erst recht konfus. Sofort rief ich beim Frauenarzt an. Da hieß es bloß, die Ergebnisse seien noch nicht da und das sei „komisch“. Also… warten. War ich schwanger? Vielleicht doch krank? Am Mittag kam eine Mail:

„Wir haben HCG im Blut festgestellt. Sie sind tatsächlich schwanger!“

Clearblue digitaler Test

„Das“ hat sich dann erledigt: (M)eine Fehlgeburt

Endlich! Der Beweis, auch mein Arzt glaubt an eine Schwangerschaft. Ich war happy, erleichtert und auch wütend, dass er mich so schroff behandelt hatte, ohne alle Ergebnisse vorliegen zu haben. Einen Tag lang habe ich mich richtig gefreut und war glücklich nun doch schwanger zu sein. Habe meinem Baby gut zugeredet, es solle doch etwas wachsen und war happy. „Meine schwangere Frau“ hat mein Mann mich liebevoll genannt. Mir ging das Herz auf. Einen Tag, war alles gut. Doch dann…

Morgens fühlte ich mich schon unwohl. Ich hatte ein Ziehen im Unterleib bemerkt. Ähnlich wie zur Periode. Doch ich dachte mir nichts dabei. Am Nachmittag dann: Blut im Slip. Da war doch tatsächlich beschissenes rotes Blut. Das kann nicht wahr sein! Am Folgetag wurde das Blut dunkel und es waren Schleimgebilde zu sehen. Der letzte Rest meines Babys? Wahrscheinlich… Die Welt war schon wieder in tausend kleine Teile zerbrochen. Diesmal war ich mir sicher, dass es vorbei ist. Mein Baby hatte sich schon wieder verabschiedet… Enttäuscht rief ich beim Frauenarzt an und berichtete von dem Blut:

„Damit hat sich das ja dann wohl erledigt.“

Von der Schwangeren zur Irren

Ähm, ja genau. „Nehmen Sie Medikamente oder machen eine besondere Diät? Nein? Hm, komisch, dann können wir uns das HCG auch nicht erklären“. WIE BITTE?! Also soll ich doch nicht schwanger gewesen sein oder was? Oder etwa doch? Bin ich vielleicht doch krank und keiner hat es entdeckt? Warum tut die Sprechstundenhilfe das so ab? Und wieso ist der Arzt so davon überzeugt, dass ich nicht schwanger bin/war? Ein wildes Durcheinander herrscht in meinem Kopf. Verzweiflung macht sich breit. Nach zwei Tagen sind die Blutungen vorbei. Es kommen aber vier weitere Tage Schmierblutungen dazu. Eine Fehlgeburt – allerdings heißt es in der Frühschwangerschaft glaube ich noch anders. Dazu immer wieder stechende Schmerzen. Was ist das denn das nun?

Ich möchte einen Frauenarzttermin machen. Nicht aber bei dem Idiot, der mich nicht für voll nimmt. Also telefoniere ich alle Tipps ab, die ich zusammengefunden habe. Nichts. Alle Ärzte sind voll. Bei der letzten Alternative (sie verweigern die Zusammenarbeit mit einer Hebamme, daher semi-optimal) finde ich einen Platz. Leider wieder bei einem Mann. Eigentlich mag ich keine männlichen Ärzte. Da fühle ich mich immer etwas unwohl. Den Termin bekomme ich eine Woche später.

Ausschaben? Eileiterschwangerschaft? KH?

Eine Woche Hoffen und Bangen? Na Danke. Die Netz-Mamas raten dazu, ins Krankenhaus zu gehen. Ins KH? Mit einer vielleicht eingebildeten verlorenen Schwangerschaft? Mittlerweile glaube ich selber nicht mehr dran, schwanger gewesen zu sein… Die lachen mich doch aus, oder sind zumindest extrem genervt von einer hysterischen Jungmama. Ich entscheide mich dagegen. Und bange… Nein, doch nicht. Auf ins Krankenhaus. Die lachen aber gar nicht sondern haben volles Verständnis. Sie gehen nicht davon aus, dass das Baby weg ist, sondern wollen sichergehen. Sie reagieren absolut richtig und professionell. Ich fühle mich geborgen, auch, wenn ich nun ganz sicher bin, dass das Baby weg ist. Die Untersuchung bringt Gewissheit.

Kein Baby mehr da. Ausschaben war zum Glück nicht notwendig, eine Eileiterschwangerschaft wurde auch ausgeschlossen.

Immerhin… Nun sollte ich eigentlich mit der Verarbeitung anfangen. Das gestaltet sich aber durch einen vollen Arbeitstag und Stress zu Hause als schwierig. Am liebsten möchte ich mich verkriechen und weinen. Aber das geht nicht. Ich bin immerhin noch Mutter einer kleinen Zauberbohne. Ich muss stark sein. Merke zeitgleich aber, wie meine innerlich errichteten Barrikaden erneut ins Wanken geraten: Habe ich die Fehlgeburt vielleicht verdient? Bin ich eine schlechte Mama? Möchte das Schicksal nicht, dass ich noch ein Kind bekomme? Irgendwie wollte ich die Schwangerschaft auch als positives Zeichen meines Vaters werten.

Keine Schwangerschaftsplanung mehr

Ich hatte mich dem romantischen Gedanken hingegeben, er wacht im Himmel über uns – und das Baby… Meine Gedanken sind wirr. Einige werden sich jetzt denken: Du warst doch erst in der 6. Woche. Da ist das Baby ja nicht mehr als ein Zellhaufen. Und Recht hat ihr. Aber in meinem Kopf, da war das Baby schon weit mehr. Da habe ich angefangen eine Bindung aufzubauen, die jäh gerissen ist. Das tat richtig weg…

Um die Barrikaden zu stärken habe ich nun beschlossen eine Mutter-Kind-Kur zu beantragen. Das Jahr war voller Verlust und Trauer. Ich hoffe, dass ich bald einen Platz bekomme, um gestärkt aus dem Jahr hervorzugehen.  Ob wir es nochmal mit einem Baby versuchen? Vielleicht. Aber diesmal versuche ich nicht alles richtig zu machen. Warum habe ich mich so verrückt gemacht? Ich plane nichts mehr. Keine Eisprung-Apps, keine Vitamine, keine Babynamen-Diskussionen. Ich lasse es einfach auf mich zukommen und versuche locker zu bleiben. So wie ich für die Erziehung keine Bücher brauche, brauche ich für die Schwangerschaft keinen übermäßigen Support. Wozu habe ich ein Bauchgefühl, wenn ich es ignoriere? Das werde ich schon von allein schaffen. Und mein Körper – wenn er bereit ist. Und in einem Jahr lache ich über meine Ängste. Hoffe ich.